p/ARTisan

Die fotografische Aktion p/ARTisan befragt den Begriff NEULAND als Moment einer neuartigen und bisher unbekannten Wahrnehmungserfahrung. Die Serie initiiert Prozesse der Vergegenwärtigung der unabgeschlossenen und stets offenen Diskurse des vermeintlich Normativen. Scheinbare, mittels Wahrnehmung verfestigte Gegensätzlichkeiten werden als fortlaufend sich wechselseitig durchdringende Heterogenitäten gedacht, die auf den Gestus des faustischen Pakts verweisen.


Im Mittelpunkt der Arbeit p/ARTisan steht die Farbe ‚cool down pink‘, der aufgrund psychologischer und marketingorientierter Studien die besondere Eigenschaft einer Aggressionsmilderung zugesprochen wird. In erster Linie gegensätzlich dazu, bildet der mediale Dreh- und Angelpunkt dieser Arbeit ein Sturmgewehr AK 47 Kalaschnikow, das in Fachliteratur sowie in den Massenmedien als das weltweit am weitest verbreitete Tötungsgerät mit kaum überschaubarem Aggressionspotential figuriert. Farbe und Gegenstand präsentieren sich wegen der ihnen zugeschriebenen kollektiven Wahrnehmung als vollständig inkompatible Gegensatzpaare, die einer Zusammenführung zu widerlaufen trachten. Indem beide Entitäten jedoch dekontextualisiert und in einer neu angeordneten Konfiguration in ein Wechselspiel gebracht werden, eröffnen sich neuartige Betrachtungsweisen der vermeintlich allgemeingültigen Diskurse des Guten und Bösen in einer seit 9/11 vom Terrorismus gezeichneten postindustriellen Gesellschaft.


‚Cool down pink‘ sowie Bilder von Kalaschnikows begegnen uns je für sich alleine äusserst häufig in unserem Alltag und werden aufgrund einer sich breit machenden visuellen Abstumpfung kaum in ihrem Bedeutungshorizont wahrgenommen. Durch die ‚beiläufige‘ Inszenierung in einem neuen gemeinsamen Rahmen entwickelt p/ARTisan eine unbekannte Aufmerksamkeitsökonomie der interagierenden Gegensätze und zeigt die Interaktion zwischen Heimischem (Vertrautem) und Unheimlichem auf. Wie ‚Archäologen‘ gehen Wagner und Fritschi den Spuren der gegenwärtigen westlichen Denksysteme nach und stellen diese mittels eines Spiels von Verweisen in Frage. Das Sturmgewehr, das die uneingeschränkte Gewalt und den Krieg in seinen verschiedensten Auswucherungen figuriert, persifliert das marketingstrategisch eingesetzte Pink und umgekehrt. Mit der Verwendung von ‚cool down pink‘ verweisen die Künstler des Weiteren auf die manipulative Macht der Farben, die aktuell von beinahe sämtlichen Konzernen strategisch als verkaufs- und gewinnförderndes Instrument Anwendung findet, im Alltag jedoch kaum in ihrer Wirkmächtigkeit wahrgenommen wird.


Da es verboten ist im öffentlichen Raum mit einer Waffe zu hantieren – auch wenn sie die verführerische Farbe pink trägt – haben die Künstler die Serie klandestin wie Verbrecher während einer Nacht- und Nebelaktion aufgenommen. Der Titel p/ARTisan steht als Sinnbild für die Strategie der Aktion, die sich wie folgt abspielte: kommen, inszenieren, fotografieren, verschwinden.


p/ARTisan untersucht die normativ fixierten und vermeintlich eindeutigen Grenzziehungen unterschiedlicher Entitäten und zeigt, dass diese seit jeher kulturell und gesellschaftlich konstruiert sind. Indem normierte Gegensätze aus ihrem gewöhnlichen Kontext herausgerissen und neu re-inszeniert werden, werden verborgene Machtstrukturen exponiert. Zur Disposition stehen folglich die Strukturen und Mechanismen der westlichen Repräsentationspolitik mit ihren etablierten Bilderpolitiken. Mit Differenzspielen durchkreuzt, wird damit allererst der Konstruktionscharakter von alltäglichen An-Sichten ausgestellt.


Dr. Nadja Elia-Borer

© chris wagner l 2014